Deine Bahn kommt nicht. Wieder mal. Du wartest, stehst dir die Beine in den Bauch, kommst zu spät zur Arbeit, zum Date oder einfach nicht nach Hause. Das nervt. Und ja, Dein Frust ist berechtigt.
Aber wenn wir über Schuld reden, dann bitte richtig. Nicht die Streikenden sind verantwortlich. Nicht die Lokführer:innen, nicht das Fahrpersonal, nicht die Menschen, die diesen Laden am Laufen halten. Schuld tragen die Bosse. Die Vorstände. Die Anteilseigner:innen.
Das hier ist kein agitatorisches Manifest und keine moralische Belehrung. Es ist eine Klärung der Schuldverhältnisse.
Streiks fallen nicht vom Himmel. Sie sind kein Hobby, keine Laune, keine Schikane gegen Fahrgäste. Ein Streik ist das letzte Mittel, das Arbeiter:innen bleibt, wenn alles andere gescheitert ist. Gespräche, Bitten, Warnungen, all das gab es. Monate, Jahre, teils Jahrzehnte lang. Die Arbeitgeber:innen hatten unzählige Gelegenheiten, Arbeitsbedingungen zu verbessern, Personal aufzustocken, Löhne fair anzupassen. Sie haben sich bewusst dagegen entschieden. Warum? Weil Ausbeutung billiger ist. Und genau hier beginnt das perfide Spiel.
Wenn gestreikt wird, sind die Fahrgäste wütend. Verständlich. Aber diese Wut wird gezielt umgelenkt. Die Arbeitgeber:innen verzerren den öffentlichen Diskurs und präsentieren die Streikenden als Problem, als „unverhältnismäßig“, als „rücksichtslos“. Arbeitnehmer:innen werden zum leichten Opfer gemacht, öffentlich diffamiert, medial unter Druck gesetzt. Das stärkt die Position der Bosse in Tarifverhandlungen. Spalten statt lösen.
Aber da ist noch etwas, denn ja, ein Streik kostet Geld. Aber nicht annähernd so viel, wie ordentliche Arbeitsbedingungen kosten würden. Faire Bezahlung, sichere Dienstpläne, genug Personal, das würde die Profite schmälern. Und genau darauf basiert das Geschäftsmodell im öffentlichen Nahverkehr, auf Einsparungen auf dem Rücken der Beschäftigten, auf Dauerüberlastung, auf strukturellen Missständen. Das System funktioniert nur, solange Menschen sich kaputtarbeiten.
Wenn also deine Bahn heute nicht kommt, dann frag nicht zuerst: Warum streiken die? Frag lieber: Warum musste es überhaupt so weit kommen?
Solidarität mit Streikenden heißt nicht, den eigenen Frust zu leugnen. Es heißt, ihn nach oben zu richten, dorthin, wo Entscheidungen getroffen werden. Zu denen, die seit Jahren profitieren und jetzt so tun, als seien sie machtlos.
Deine Bahn steht nicht wegen der Arbeiter:innen. Sie steht wegen eines Systems, das Ausbeutung zur Normalität erklärt hat.
[besonderen Dank gilt Baumi.Foto für die guten Bilder]





