Mit der Operation „Catch of the Day“ hat die US-Einwanderungsbehörde ICE gestern erneut gezeigt, wie staatliche Repression aussieht, wenn sie medienwirksam inszeniert wird. Rund 1.400 Menschen gerieten ins Visier der Behörden, etwa 50 wurden festgenommen. Offiziell richtet sich der Einsatz gegen Personen, denen „schwere Straftaten“ vorgeworfen werden. In der Realität trifft er vor allem migrantische Communities – und sorgt für Angst, Chaos und Einschüchterung.
Besonders stark betroffen: die somalische Gemeinschaft in Portland und Lewiston. Kritiker*innen sprechen von gezieltem Vorgehen gegen eine ohnehin marginalisierte Community. Bilder und Videos aus Portland unterstreichen diesen Vorwurf. Zu sehen sind schwer bewaffnete, maskierte Bundesbeamte in taktischen Westen, die Micheline Ntumba nach dem Bringen ihrer Kinder zur Schule festnehmen. Eine Szene, die sich einprägt – nicht wegen angeblicher Gefährlichkeit, sondern wegen ihrer demonstrativen Brutalität.
Die Folgen waren unmittelbar spürbar. Zwei Schulen schlossen kurzzeitig aus Sicherheitsgründen. Die Maine Immigrants’ Rights Coalition wurde innerhalb kürzester Zeit mit fast 1.000 Anrufen überflutet – von Menschen, die Angst hatten, selbst ins Visier zu geraten, oder die nicht wussten, wie sie sich schützen können. Angst wurde hier nicht in Kauf genommen, sondern offensichtlich einkalkuliert.
Auch lokalpolitisch regt sich Widerstand. Der Bürgermeister von Westbrook, David Morse, erklärte, dass mindestens ein friedlicher US-Bürger von einem maskierten Bundesbeamten eingeschüchtert worden sei. Morse rief zu friedlichen Protesten auf und betonte die Bedeutung, die eigenen Rechte zu kennen – ein bemerkenswerter Appell in einem politischen Klima, das zunehmend auf Abschreckung statt Rechtsstaatlichkeit setzt.
Die Razzia wirkt weit über die unmittelbar Betroffenen hinaus. Unternehmen wie Gagne Foods in Bath oder die Maine State Chamber of Commerce bereiten sich bereits auf weitere Einsätze vor, aktualisieren Unterlagen und schulen Mitarbeiter*innen im Umgang mit möglichen ICE-Kontrollen. Wenn selbst Wirtschaftsverbände Alarm schlagen, zeigt das, wie tief diese Politik in den Alltag eingreift.
„Catch of the Day“ ist damit mehr als nur eine einzelne Operation. Es ist ein weiteres Beispiel für eine Migrationspolitik, die auf Angst, Stigmatisierung und kollektive Bestrafung setzt. Wer behauptet, es gehe ausschließlich um „schwere Straftäter“, muss erklären, warum Kinder auf dem Schulweg, Schulen, ganze Communities und unbescholtene Bürger*innen zu Kollateralschäden werden.



