Kein unschuldiger Student!
Wie der Tod eines Rechtsextremen in Lyon instrumentalisiert wird, um die französische Linke zu delegitimieren
Der Tod des rechtsextremen Aktivisten Quentin Deranque in Lyon hat Frankreich erschüttert und wird seitdem politisch instrumentalisiert. Noch bevor die Ermittlungen abgeschlossen sind, noch bevor klar ist, wer für die tödlichen Schläge verantwortlich war, hat sich ein Schuldiger herauskristallisiert: La France insoumise. Der Fall wird genutzt, um eine linke Partei öffentlich an den Pranger zu stellen und aus dem politischen Raum zu drängen.
Dabei ist die Faktenlage weiterhin offen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen vorsätzlichen Totschlags, bestätigte jedoch, dass man sich “nicht auf Gerüchte, sondern auf Erkenntnisse” stützen wolle. Fest steht bislang lediglich, dass Deranque von mehreren vermummten Personen geschlagen wurde und an einem schweren Schädel-Hirn-Trauma starb. Wer die Täter sind und welchem politischen Umfeld sie angehören, ist weiterhin ungeklärt.
Trotzdem urteilte Frankreichs Justizminister Gérald Darmanin frühzeitig und öffentlich: “Hier hat ganz offensichtlich die Ultralinke getötet.” Diese Aussage erfolgte ohne Beweise und markiert einen gefährlichen Bruch mit rechtsstaatlichen Prinzipien. Sie reiht sich ein in eine politische Dynamik, in der nicht Aufklärung, sondern Schuldzuweisung im Vordergrund steht.
Auslöser der Eskalation war ein Vortrag der Europaabgeordneten Rima Hassan an der Sciences Po über den Gaza-Krieg. Gegen den Auftritt, der für ihre israelkritische Haltung bekannten Politikerin, mobilisierten rechtsradikale Gruppen. Später kam es abseits des Veranstaltungsortes zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen linken und rechten Aktivisten. In diesem Kontext wurde Quentin Deranque isoliert und schwer verletzt. Ein Anwohner schilderte später: “Ich sah jemanden mit blutigen Händen. Er wirkte benommen, stand aber da und weigerte sich, ins Krankenhaus zu gehen.”
Unmittelbar nach seinem Tod begann die extreme Rechte, Deranque als “unschuldigen katholischen Studenten” zu stilisieren. Diese Darstellung hält einer Überprüfung nicht stand. Deranque war in der antisemitischen und ultranationalistischen Action Française aktiv und dem Umfeld der Identitären Bewegung zuzurechnen. Seine Entpolitisierung dient offenkundig dem Zweck, ihn zum Märtyrer zu machen und Rachefantasien zu legitimieren.
Parallel dazu steht La France insoumise unter massivem politischen Beschuss. Politiker:innen aus dem rechten und rechtsbürgerlichen Spektrum fordern offen ihre Isolierung. Der sozialdemokratische Präsidentschaftskandidat Raphaël Glucksmann erklärte: “Die demokratische Linke darf keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, wie sie zu La France insoumise steht.” Währenddessen werden LFI-Wahlbüros angegriffen und verwüstet, ohne dass dies vergleichbare Empörung auslöst.
Der Fall in Lyon zeigt, wie schnell der Tod eines Menschen zum politischen Werkzeug werden kann. Noch ist nichts aufgeklärt, doch die Fronten sind bereits gezogen. Während rechtsextreme Netzwerke europaweit zu Vergeltung mobilisieren, wird antifaschistische Politik kriminalisiert. Was hier verhandelt wird, ist nicht nur ein Gewaltverbrechen, sondern die Frage, welche Linke in Frankreich künftig noch als legitim gelten darf.
Wenn du ein Problem mit einem unserer Artikel oder Inhalte hast, kannst du dich jederzeit an unsere Beschwerdestelle wenden. Diese erreichst du ganz easy via E-Mail an: beschwerdestelle@3540-media.de↗
Wir prüfen dein Anliegen sorgfältig und behandeln es vertraulich.



