Zwei Völker, ein Führer
Björn Höcke war zu besuch in Reutlingen, so auch rund 6000 Gegendemonstrant:innen
Es ist früher Abend in Reutlingen, und die Stadt klingt, als würde sie den Atem anhalten. Trommeln hallen zwischen Häuserfassaden, Pfiffe schneiden durch die Gegend, irgendwo klirrt Metall gegen Asphalt. Wer an diesem Samstag durch die Straßen läuft, weiß sofort: Das hier ist kein gewöhnlicher Wahlkampftag. Es ist einer dieser Abende, an denen sich entscheidet, wie bequem man Geschichte wieder werden lässt oder ob man ihr widerspricht.
Rund 6.000 Menschen sind gekommen, um zu verhindern, dass sich Geschichte wieder gemütlich einrichtet. Sie stehen auf Plätzen, ziehen durch Straßen, hocken auf Bordsteinen, rufen Parolen, halten Transparente hoch. Manche sind wütend, andere angespannt, viele erschöpft vom Alltag, aber sie sind da. Weil Wegschauen keine Option mehr ist.
Drinnen, in der Wittumhalle, stehen etwa 700 Menschen dicht an dicht. Applaus brandet auf, immer wieder. „Höcke, Höcke“-Rufe, rhythmisch, euphorisch, fast religiös. Auf der Bühne: Björn Höcke, verurteilter Straftäter, Thüringer AfD-Chef, Galionsfigur des äußersten rechten Randes. Einer, den die eigene Partei im Südwesten lieber nicht offiziell eingeladen hätte, zu riskant für das bürgerliche Mäntelchen im Landtagswahlkampf, zu offen völkisch, zu wenig anschlussfähig für den liberalen Schein. Der Reutlinger Kreisverband wollte ihn trotzdem. Und bekam ihn.
Draußen, vor der Halle zeigt sich ein anderes Bild. Transparente, Fahnen, selbstgemalte Schilder. Sprechchöre, die sich überschlagen: „Alerta, Alerta, Antifascista“, „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda“. Ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, linken Gruppen, antifaschistischen Initiativen, kirchlichen Kreisen, migrantischen Organisationen. Menschen jeden Alters. Studierende neben Rentner:innen, Eltern mit Kindern auf den Schultern, Jugendliche mit frisch gemalten Plakaten, Menschen, die schon vor Jahrzehnten gegen Neonazis auf der Straße standen. Reutlingen zeigt Gesicht. Und Reutlingen weiß, warum.
Diese Stadt hat Erfahrung damit. Reutlingen war Garnisonsstadt im Nationalsozialismus. Hier wurden Jüdinnen und Juden entrechtet, deportiert, ermordet. Von hier aus gingen Menschen in die Tötungsanstalt Grafeneck. Zwangsarbeiter:innen lebten in Lagern, mitten in der Stadt, sichtbar und doch systematisch ignoriert. Auf dem Alten Friedhof erinnern Gräber an jene, deren Namen man ausradieren wollte. Geschichte liegt hier nicht im Archiv, nicht nur in Gedenktafeln, sie liegt im Boden, in Familiengeschichten, in Lücken, die nie wieder geschlossen wurden.
Und genau deshalb fühlt sich dieser Abend so schwer an. Weil nichts davon abstrakt ist. Weil die Parolen von drinnen eine lange, blutige Vorgeschichte haben. Weil Worte wie „Volk“ und „Führungsverantwortung“ hier nicht unschuldig klingen können.
Am Nachmittag ist die Stimmung noch fast ruhig. Die Demonstration sammelt sich, Ordner:innen weisen Wege, die Polizei ist präsent, aber ansprechbar. „Eigentlich alles ganz entspannt“, sagt Arvid, unser Fotograf, während er die ersten Bilder macht. Die Route steht, die Lautsprecheranlage läuft, die Demo setzt sich in Bewegung. Es ist laut, aber kontrolliert. Bestimmt, aber nicht eskalativ.
Dann wird es dunkel. 19:30 Uhr. Flutlicht geht an. Helme klappen herunter. Funkgeräte knacken. Ein unsichtbarer Kippschalter wird umgelegt, der Point of no Return. Wer oft auf Demonstrationen ist, kennt diesen Moment. Ab jetzt gibt es kein Gespräch mehr, keine Grauzonen, keine situative Einschätzung. Ab jetzt ist alles Befehl, alles Zugriff, alles Macht.
Polizeiketten verdichten sich. Einsatzkräfte bewegen sich nicht mehr entlang der Demo, sondern durch sie. Körper an Körper. Drei, vier Beamt:innen greifen plötzlich zu, reißen einzelne Personen aus der Menge. Beweissicherungs- und Festnahmetrupps, die scheinbar wahllos zuschlagen. Platzverweise, Gewahrsam, Identitätsfeststellungen – manchmal begründet, oft nicht, manchmal einfach nur als Signal: Wir können.
Pfefferspray liegt in der Luft, beißend, scharf, brennt in Augen und Lungen. Es wird Geschubst, gezerrt, geschlagen. Auch Journalist:innen bleiben nicht verschont. Kameras schützen nicht, Pressewesten auch nicht. Es wird auf Augenhöhe gesprüht, direkt in die Menge, ohne Rücksicht. Wer fällt, wird nicht aufgehoben. Wer hilft, gerät selbst ins Visier.
Mehrfach laufen Trupps scheinbar grundlos an der Demo entlang, schlagen zu, ziehen eine Person heraus und lassen Chaos zurück. Eskalation als Methode. Keine Deeskalation, keine Verhältnismäßigkeit. Das ist keine taktische Notwendigkeit mehr, das ist Polizeigewalt. Einheiten wie der berüchtigte Trupp 26 sind bundesweit bekannt. „Nicht lang schnacken“ ist hier kein Spruch, sondern Praxis. Eine Praxis, die nicht schützt, sondern einschüchtert.
Während draußen Menschen hustend Wasser aus Flaschen über ihre Gesichter kippen, spricht Höcke drinnen vom „Volk“. Von „Kartellparteien“. Von einem angeblich „neuen Volk“, das sich die Demokratie zurückholen müsse. Er konstruiert ein „Wir“ gegen „die da“, gegen Minderheiten, gegen alles, was nicht in sein Weltbild passt. Worte, die Geschichte kennen und bewusst benutzen. Worte, die anschlussfähig sind für Hass, Ausgrenzung und Gewalt.
Die Halle bebt vor Zustimmung. Klatschen, Jubel, stehende Ovationen. Ein Raum, der sich selbst bestätigt, abgeschottet von der Realität draußen. Drinnen Applaus, draußen Pfefferspray. Drinnen Opfermythen, draußen echte Verletzte. Zwei Welten, getrennt durch ein paar Meter, Polizeiketten und Beton.
Zwei Völker, wenn man Höcke glauben will. In Wahrheit aber eine Stadt, die sich erinnert – und eine Ideologie, die genau das auslöschen will. Eine Stadt, die weiß, was passiert, wenn man zu lange schweigt. Reutlingen hat diesen Kampf nicht gesucht. Aber an diesem Abend führt es ihn.
(3540-media/dpa/lsw)






